Châtaignes et feu de camp

Inne halten birgt die Gefahr des Stillstandes. Ich bin auf dem Weg, um Madame Dubois zu finden. Um mich beruflich neu aufzustellen. Doch der Ort, an dem ich gerade bin, verführt mich das zu vergessen. Ich genieße den Moment. Sehr ungewöhnlich für mich. Ingo hat sich noch nicht gemeldet. Kayserling ist zufrieden mit dem Status Quo.
So unbequem es ist, so eng und so viel Organisation es braucht, mit Raluca im Wohnwagen zu leben, es gefällt mir immer besser. Heute ist es mir ohne Hilfe gelungen, das Sonnenvordach aufzubauen. Was für ein herrliches Geräusch, als ich die Seitenteile mit dem Reisverschluss einsetze. Jetzt fühlt sich alles nach echtem Camping an. So habe ich es mir immer vorgestellt.
Heute ist ein unglaublich warmer Oktobertag mit sommerblauem, wolkenlosen Himmel. Raluca und ich sind in Entdeckerlaune und machen uns auf den unterhalb des Campingplatz beginnenden Circuit arboretum. Den Baumgartenrundgang empfehlen mir Cecil und René unabhängig voneinander.
Schon nach wenigen Metern stoße ich auf die in einen Felsen gearbeitete Skulptur mit dem klingenden Namen Les arbres de connaissance (Die Bäume des Wissens). Künstler ist Mathieu Defer, Mitglied im Verein Pierre-Avenir. Das verfallene und in Vergessenheit geratene Kulturerbe von la Hutte de l’arboretum wurde u.a. in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Forstamt saniert und 2015 dann der Öffentlichkeit präsentiert. Hier im Ourche-Tal sind die Menschen offensichtlich ziemlich stolz auf ihre Historie.
Das Arboretum geht übrigens auf die Vision eines gewissen Alfred Irrois zurück, ein Eisenmeister aus dem 19. Jahrhundert, der auf etwa drei Hektar Mammutbäume, Eiben, Purpurbuchen, Kalifornische Riesenzedern und andere seltene Bäume anpflanzte. Sein soziales Engagement ließ ihn eine Wohnkapelle und Schule planen, um die Kinder der Arbeiter, die im Eisenwerk schufteten, gut unterzubringen. Aber Monsieur Irrois starb, bevor er seinen Traum verwirklichen konnte. Sein Vorhaben wurde dennoch realisiert – vor allem seinem Schwager ist es zu verdanken, dass im Jahr 1874 die Schulkapelle errichtet werden konnte. Allerdings wurde sie 1902 wieder geschlossen (warum, kann ich nur vermuten). Dann war das Gebäude im Schweizer Stil für einige Jahre ein Hotel-Restaurant für wohlhabende Badegäste aus der etwa 35 Kilometer entfernte Stadt Vittel. Und heute? Verfällt das majestätische Gebäude seit Jahrzehnten.

Überraschend romantisch (und lehrreich) ist der nicht mal 700 Meter lange Rundgang durch den Wald. Inklusive Gruselfaktor. Denn das verwilderte Grundstück mit der Schulkapelle macht zwar neugierig, aber vor allem das verfallene Nebengebäude wirkt bedrohlich. Darin ein hoher Kühlschrank aus den vierziger oder fünfziger Jahren, verrostet und verbeult. Es sind die zwei Paar Männerturnschuhe, ordentlich neben der aus den Angel gehobenen Tür stehend, und der moderig-faulige Geruch, die mich zurückschrecken lassen. Möglicherweise lebt hier jemand? Einen Clochard, vielleicht wirr vor sich hinstammelnd oder mich wild auf französisch beschimpfend, möchte ich auf keinen Fall aufschrecken.

Den nieder getretenen Zaun habe ich ignorant als Einladung interpretiert. Neugier siegt über dem Respekt gegenüber Privatbesitz. Wohl wissend, dass alles verfallen und damit baufällig ist. Plötzlich bekomme ich Herzklopfen. In zunehmendem Unwohlsein etwas verbotenes zu tun und dabei möglicherweise erwischt zu werden, rufe ich gedämpft nach Raluca, die durchs Unterholz tobt. Ich will so schnell wie möglich zurück auf den vorgegebenen Waldweg.
Durch die zerbrochene Scheibe des niedrigen Gebäudes ist eine Tischtennisplatte zu sehen, eine kleine, dunkelbraune Flasche, ein Stuhl mit aufgequollener Sitzfläche. Vielleicht ein Jugendtreff? Blödsinn. Hier leben keine Menschen unter sechzig. Im Umkreis gibt es nur die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Gebäude des Eisenwerkes und der Schmiede und ein herunter gekommenes Wohnhaus. Der alte Mann, der dort wohnt, hat vor wenigen Minuten mein Winken erwidert.

Als Cécile mich später fragt, ob ich meinen Ausflug mochte, nicke ich und verschweige, mir keinen Baum genauer angesehen, keines der Hinweisschildchen gelesen zu haben. Sie lächelt dieses kindlich-spitzbübische Lächeln und lädt mich ans Lagerfeuer ein, das seit dem Morgen von Céciles Mann René gefüttert wird. Jetzt weiß ich auch warum.
Drei, viermal am Tag sammelt Cécile Esskastanien in geflochtene Körbe, hakt die stachligen Maronen-Mäntel zusammen. Die Mutter von Christoph, Weltenbummler, Freigeist und Betreiber des Campingplatzes, wuselt den ganzen Tag über das Grundstück. Zierlich, immer bunt gekleidet, das volle graue Haare locker im Nacken zusammengesteckt, die nackten Füße in Croques. Céciles fröhliche Gelassenheit ist ansteckend, ihr schelmisch-verschwörerisches Augenzwinkern, ihr sanftes und doch übermütiges Lächeln, ihre freundliche Aufmerksamkeit sind die eines in sich ruhenden, zufriedenen Menschen. Sie bietet mir an, meine Wäsche zu waschen, schenkt mir frisch geerntete Zwiebeln, Basilikum, einen Kürbis, eine große Schale voller Maronen, die châtaignes heißen und wie politiertes Ebenholz schimmern. Und eben die sollen jetzt in der Glut geröstet werden.
Der Einladung ans Lagerfeuer, in deren lodernden Mitte eine Weltkugel aus Metall steht, Symbol dafür, dass die Welt brennt, folge ich gerne. René erzählt, dass sein Sohn diesen Platz als Ort der Diskussion konzipiert hat, mit zwölf unerhört bequemen, selbst gezimmerten Holzsesseln. Wie Christoph überhaupt alles selbst baut, designt, anlegt. Aus dem einst verlassenen Forsthaus, so erzählen René und Cécile abwechselnd, hat ihr Sohn in den vergangenen zehn Jahren diese Oase im Ourche-Tal erschaffen, ohne wohl je damit fertig zu werden. Denn irgendetwas gibt es doch immer noch zu verändern, zu verschönern, zu erweitern. Die Hütten sind aus Holz oder Stein, mit unendlich vielen Details, einladend, gemütlich, individuell. Dazu ein großer Bauerngarten, unzählige Obstbäume und -sträucher. „Er will autonom sein“, sagt Cécile, unabhängig von der schnelllebigen, oberflächlichen Gesellschaft. Es gibt eine große Außenküche, aber kein Internet, der Müll wird getrennt. „Es ist das Paradies“, sagt Cécile, die sich mit René um alles kümmert, wenn Christoph endlich mal ausspannt nach einer langen Saison der vielen Ruhesuchenden.
Cécile und René, seit 48 Jahren sichtlich glücklich miteinander verheiratet, schenken mir einen innigen Abend mit selbst eingelegten „Pickels“, mit Käse, Salami- und Rotwurstscheiben, Brot und Weißwein. Beide sprechen sie deutsch mit diesem charmanten Akzent und haben einen wunderbaren, feinen Humor, gehen sanft und liebevoll miteinander um. So ein authentisches, glückliches Paar habe ich noch nie getroffen.
Mein französisch ist so elendig rudimentär und doch verstehe ich, was sie sagen, wenn sie in ihre Muttersprache verfallen. In ein oder zwei Jahren wollen sie aus Lothringen hierher ziehen. Das Stadtleben hat keinen Reiz mehr, wenn man doch den ganzen Tag in der Natur sein kann. Eine eigene Wohnung hat Christoph ihnen schon gebaut. Alle zwei Wochen sind sie hier.

Mit ruhigen und bedächtigen Bewegungen schaufelt René immer wieder Glut in die Feuerschale. Cécile hat zierliche und starke, kraftvolle Finger, die den ganzen Tag Zwiebeln ausbuddeln, Apfelmus kochen, Kürbisse ernten, Samen setzen, Sträucher beschneiden, Kartoffeln vom Dreck befreien. Diese Finger pulen jetzt geübt die heiße, feste Schale von den runden Früchten – und immer wieder reicht mir Célice die an das Innere einer Walnuss erinnernden châtaignes, die unvergleichlich erdig, leicht mehlig, etwas rauchig und nach Landleben, Glück und Ruhe schmecken.
Das Graugänsepärchen und ihr dürrer Laufenten-Kompagnon schlafen längst im Stroh, Papillion und Félix, die beiden Katzen, haben sich auf der Stufe zum Sanitär-Gebäude eingerollt. Der Große Wagen steht über uns, die Cassiopeia rechts daneben. Es ist stockdunkel, kaum halb zehn, als René sich verabschiedet. Cécile und ich sitzen noch einen Moment schweigend am Feuer, trinken den Rest Chardonnay. „Danke für diesen schönen Abend“, sage ich und sie lächelt: „Ich danke dir. Es war ein grosses Vergnügen.“
Wie leicht ist es doch, Frankreich und die Franzosen zu mögen.
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