Cap Bleu – Cassis

Auf blauen Dunst fahre ich los. Ohne Wohnwagen wäre die Strecke in knapp neunzig Minuten zu schaffen. Damit ist es entschieden.
Ab nach Cassis, ab ans Meer. Nicht ahnend, wie glücklich der Anblick mich machen wird. Wie überwältigend das Blau ist. Der Farbwelten-Farbindex bietet übrigens zweiundsiebzig verschiedene Blautöne. Ich bin nicht sicher, ob das wirklich reicht, um all die Schattierungen zu bezeichnen, die Himmel und Meer in der Lage sind zu zaubern.
An die Küste zu fahren, erfüllt mich zunächst mit Skepsis. Die herrlichen Wälder der Vogesen, die aufregenden Felsformationen in der Provence, die unberührte, weitgehend menschenleere Natur waren bislang atemberaubend. Was soll das jetzt noch kommen?
Aber wenn ich Madame Dubois finden will, ist eine Fahrt nach Cassis unabdingbar.
Über die A8, die zur A52, kurzfristig A501 und dann zur A50 wird, fahren wir die gut 100 Kilometer zügig in das Hafenstädtchen über dem ein jahrhundertealtes Château thront. Die Straße windet sich nach unten, wo ich ohne suchen zu müssen in einer Seitenstraße einen kostenlosen Parkplatz finde. Bis zum Hafen sind es nur wenige Minuten zu Fuß.
Wie gerne würde ich jetzt ein bisschen bummeln. Auslagen glotzen, reinspazieren, ein bisschen stöbern, vielleicht was kaufen. Nach dem dritten Schaufenster gebe ich auf.

Für Raluca sind die engen Bürgersteige, die knatternden Motorräder, die Eis essenden, laut telefonierenden oder einfach nur lachenden, rufenden, scherzenden Menschen blanker Stress.
Arme Töffe.
Sie auf unbestimmte Zeit im Auto zurückzulassen, ist aber auch keine Option. Mühsam ist es – für uns beide.
Wo ich so gerne den Trubel am Hafen mit den ausnahmslos vollbesetzten Restaurants genießen würde. Auf der Kaimauer sitzend, mich vom quirligen Lebensgefühl umarmen lassen.
Alles atmet Urlaub, Leichtigkeit, Entspannung, Unbeschwertheit. Der Blick auf die Kalksteinklippen bei wolkenlosem Himmel und strahlendem Sonnenschein ist einmalig verzaubernd. Leuchtend tanzt und wirbelt das Wasser. Ich staune und genieße. Wenigstens für Sekunden.

Mein hechelnder Hund zerrt unnachgiebig an der Leine und mich an charmanten Augenblicken vorbei wie den mit der Streifenhörnchenfamilie. Im Vorbeigehen beneide ich die vier um ihre demonstrative Zusammengehörigkeit. Während meines kurzen Gesprächs (sie kommen aus Lyon, machen hier seit zwei Tagen Urlaub) versucht mich Raluca mit angeklappten Ohren zu hypnotisieren. Nein! Sie will ganz sicher nicht von diesen kleinen Zweibeinern gestreichelt werden. Sie will hier weg. JETZT!
Und ich will baden, bevor die ernsthafte Suche nach dem Haus von Madame Dubois startet.
Doch der Strand ist für Hunde gesperrt.
Am Cap Bleu, lässt mich die Suchmaschine wissen, sind Hunde erlaubt. Nur knapp zweieinhalb Kilometer zu laufen.
On y vas.
Es ist warm. Wieder habe ich nichts zu trinken Wasser dabei. Aber irgendwo ist immer ein Restaurant mit abgehetztem Personal, das riesige Portionen Calamaris mit Pommes von der winzigen Küche auf die Terrasse schleppt, und sich trotzdem Zeit nimmt, um einen Hundenapf mit Wasser zu füllen.
Wenige Minuten später erreichen wir das Blaue Kap – und sind weiter weg vom Meer als noch zwei Stunden zuvor.


Ich bin durstig und enttäuscht, umrunde langsam die kleine Halbinsel, genervt von den Hundebesitzern, die ihre Fußhupen immer gleich hochnehmen, wahlweise abdrängen, wenn ein anderer Hund (Raluca) freundliches Interesse bekundet.
Zurück auf Anfang.
Wieder vorbei an Grundstücken mit Panoramablick. Fast ausschließlich Feriendomizile. Wäre ich Besitzerin eines solchen Hauses mit freier Sicht über das Meer und die Bucht von Cassis – ich würde es nicht an Fremde vermieten. Maximal an Freunde.
Vielleicht.

Auf dem Hinweg übersehen, jetzt als Einladung verstanden: die Warnschilder zwischen den Häusern. Promenade dangereuse. Wunderbar. Her mit gefährlich! Es geht doch nichts über ein bisschen Adrenalin.
Der schmale Schotterweg ist extrem steil und ja, mit dem falschen Schuhwerk nicht ungefährlich. Genau das, was ich jetzt brauche. Schließlich habe ich schon ganz andere Kaliber bewältigt.
Aber bei gefühlten 30 Grad im Schatten und der latenten Angst, Raluca könnte was passieren, macht das auch nur einmal Spaß. Müde schlappen wir die Straße rauf und wieder runter. Sehnsüchtig blicke ich auf den kleinen Strandabschnitt, der für meinen Geschmack viel zu voll ist.
Worauf warte ich eigentlich? Warum sollte ich verzichten, nur weil Raluca nicht an den Strand darf? Dann wartet sie eben oberhalb. Ein letztes Mal für den heutigen Tag muss sie tapfer sein. Angebunden an einer Treppe zuschauen, wie ich mein Kleid bis zu den Oberschenkeln lupfe und glücklich, wenn auch wacklig, auf den rundgewaschenen Kieseln im warmen Meer stehe und die Wellen mich umspülen.

Als wir wenig später zurück im Hafen sind, ist es leicht einen Tisch zu bekommen. Die blondperückte Frau mit der Figur einer mageren Zehnjährigen rückt ihren Cowboyhut zurecht und weist mir mit aufgesetztem, müden Lächeln einen Zweiertisch zu. Eine junge Dunkelhaarige bringt die Speisekarte, ein ziemlich dicker, unfreundlicher junger Mann das, was offensichtlich nur warmgehalten worden ist: in Öl ersäufte, dennoch furztrockene Dorade mit labbriger Haut an matschigen Süßkartoffeln zu schlappen Salatblättern. Das frischeste sind die halbierten Cocktailtomanten.
Wieso bin ich nicht mal überrascht?
Wieso habe ich das Essen nicht zurückgegeben, bin aufgestanden und gegangen?

Bezahlen muss ich die kulinarische Frechheit bei einem Typ Kaliber Zuhälter in weißen Trainingsklamotten. Frauenfeindlicher Scheiß, denke ich. Die Mädels arbeiten, der Kerl kassiert. Und dann denke ich: allerübelste Touriabzocke. HIER würde Madame Dubois ganz sicherlich niemals essen. Dennoch frage ich nach, bei der Frau mit dem Cowboyhut, die sich gerade ihre dritte Kippe innerhalb der letzten halben Stunde anzündet.
Madame Dubois? Nie gehört.
Stoisch frage ich mich in der kommenden Stunde durch alle Hafenrestaurants. Natürlich nur Kopfschütteln, Schulterzucken, bedauernde, gleichgültige, feindselige Gesichter. Niemand kennt Madame Dubois.
Ich bringe Raluca jetzt doch ins Auto, wo sie sich augenblicklich zusammenrollt, und klappere die Geschäfte ab – ohne zu bummeln, nur aus dem Augenwinkel zu den Auslagen schielend. In einer Boutique für Bademoden ruft meine Frage ein überraschtes Lächeln bei der älteren Inhaberin hervor. „Madame Dubois? Bien sûr, je la connais Madame Dubois. Tout le monde ici la connaît.“
Wie bitte? JEDER hier kennt Madame Dubois?