Bonjour Tristesse

Zurück in Deutschland.

Schon als ich die Tür zum Haus meiner Eltern aufschließe, umfängt mich muffige Enge. Raluca stakst vorsichtig über die dicken Teppiche und rollt sich schließlich unter dem Couchtisch zusammen.

Kayserling ist über meine Rückkehr informiert, Madame Dubois tatsächlich noch geblieben. Wir treffen uns morgen Mittag. Aber nicht im Hotel, sondern in ihrer Villa am Schlachtensee. Madame wird einen Fahrer schicken. Warum überrascht es mich nicht, dass sie hier eine eigene Villa hat? Ich bin zu müde, um nervös zu sein. Trotzdem werde ich mich noch vorbereiten müssen.

Zwischendurch wird aus dem Regen heftiger Schnee. Jetzt glitzern die Thujen weiß. Als Tom anruft, habe ich gerade Sauerbraten und Rotkohl aus dem Gefrierschrank im Keller geholt. Beides taut in der Mikrowelle auf, während ich Fertigteig zu Klößen forme.

„Hier ist ein ziemlich großes Paket für dich“, sagt Tom. „Aus Neuseeland.“

Mary Stewart! Dann die Mail mit der Frage, ob ich die Dokumente bekommen habe, von ihr.

„Soll ich es aufmachen?“

„Nein“, sage ich schnell, „könntest du es mir vorbei bringen? Jetzt gleich? Ich bin zu-… bei meinen Eltern.“

Tom fragt nicht, wieso ich zurück bin, sondern ist eine halbe Stunde später da. Verlegen stehen wir voreinander und ich bin überrascht, wie gut er aussieht mit den längeren Haaren, frisch rasiert und diesem so vertrauten Lächeln. Ich habe das Bedürfnis ihn zu umarmen. Zum Glück ist das Paket zwischen uns. Groß, unhandlich und schwer.

„Hast du Lust auf Klöße und Rotkohl mit…“.

„Hab noch zu tun“, sagt er schnell, „vielleicht telefonieren wir die Tage? Oder gehen was essen? Dann kannst du mir von deiner Reise erzählen. Natürlich nur, wenn du magst.“

Er hat sich nicht verändert, immer noch so verdammt höflich. Ich nicke unbestimmt, obwohl ich noch nicht bereit bin, von den vergangenen Wochen zu erzählen. Keine Ahnung, ob ich meine Erlebnisse ausgerechnet mit ihm teilen möchte.

„Schön, dass du heil zurück bist“, sagt Tom. „Ich dachte wirklich, wir sehen uns erst vor Gericht wieder.“

„Hm“, mache ich, beiße mir auf die Zunge und sehe ihn schon wieder mit anderen Augen.

„Am besten, du schläfst dich erst mal aus“, sagt mein Noch-Ehemann im sanften Elternton und da wird mir wieder bewusst, warum ich die Scheidung will. „Siehst müde aus, Äffchen.“

Das Paket wiegt sicherlich um die zwölf Kilo. Es steht auf dem Esstisch im Wohnzimmer und versucht mich zu verführen, es zu öffnen. Fordert stumm mir einen ersten Überblick zu verschaffen. Jetzt. Sofort.

Aber ich kann vor Müdigkeit kaum noch gucken.