Avignon

Avignon Sonnenuntergang

Passend zum schweren, grau verhangenen Regenhimmel kippt die Stimmung.

Seit genau drei Wochen unterwegs, kommen heute früh erstmals ernsthafte Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Unterfangens. Fragen, die sinnvoll vor Tourstart hätten gestellt werden sollen, pochen jetzt energisch auf Antworten. Fragen vom Kaliber: wer ist Madame Dubois? Wieso gibt es keine belastbaren Informationen über sie? Warum will Kayserling ein Buch über sie auf den Markt bringen, obwohl sie in Deutschland gänzlich unbekannt ist? Wem hat er diesen Auftrag schon alles angetragen, wer hat bereits dankend abgewunken? Wie konnte ich, ohne wirklich nachzudenken, den Vertrag unterschreiben? Ich verwerfe die Überlegung, Kayserling mit eben diesen Fragen zu konfrontieren. Professionelle Souveränität ist die Basis und der wichtigste Pfeiler meiner Glaubwürdigkeit. Nüchtern betrachtet bringt eine Überprüfung meiner Situation kein erfreuliches Ergebnis. Aber aufgeben? Keine Option.

Nach einer beinahe heißen Dusche (gut, dass ich Badelatschen dabei habe!), und einer empörend kurzen Hunderunde, entdecke ich den üblen Kollateralschaden meiner gestrigen Berg-Aktion.

Maclas

Paulchen hat es erwischt! Keine vier Wochen bei mir und schon kaputt. Ich möchte laut schreien. Ganz, ganz laut. Der arschteure Fahrradträger hält nicht mal eine 45 Grad Konfrontation mit dem Wohnwagen aus?

„Erst mal Fahrrad runter, dann ordentlich in die Richtung ziehen, woher der Anstoß kam, ggf mit Männerkraft. Aber unbedingt mit gegenhalten – nicht versuchen, so rauszuziehen. Kraftschrei einsetzen“, rät schriftlich derjenige, der mir Paulchen verkauft und montiert hat. Männerkraft, um das wieder gerade zu biegen, ist heute morgen leider Mangelware. Wir verlassen um halb zehn Maclas, ohne dass die Retter aufgetaucht wären oder ich gar Laurant zu Gesicht bekommen hätte. Dann eben ohne Abschied. Und mit demoliertem Paulchen. Wenigstens ist Blacky ohne Blessuren geblieben.

Auf der 190 km langen Fahrt nach Avignon verliert das Drama seine Wucht. Allein schon wegen der Serpentinen. Im Schneckentempo, weil inzwischen dran gewöhnt, gehts über die Ardéche und kurz darauf tobt türkisfarben die Rhône unter uns. Ein beeindruckender Moment, der verpufft, weil sich hinter mir inzwischen sechs Autos stauen. Die nächste Möglichkeit rechts ran zu fahren, wiederhole ich mehrfach auf der D86, zwei mal noch auf der D1082 und bin froh, als ich endlich wieder ein Maut-Ticket ziehen muss.

Schnurstracks und im üblichen Tempo tuckern wir die A7 runter. Während der Fahrt nehme ich das langersehnte Telefonat mit Dr. Ingo Wardinski an. Aber mein Informant bedauert, keine Verbindung zwischen der Université Strasbourg und Madame Dubois herstellen zu können. „Ich bin lediglich auf einen Henri-Louis Dubois gestoßen“, sagt Ingo. „Er war Student an der juristischen Fakultät in den 1920er Jahren.“ Dann gab es in den 1970er Jahren noch einen Philippe Dubois, zwischen 1980 und 2020 einen Emanuel, einen Luc und einen Hugo sowie eine Christin und eine Danielle. „Bis auf Hugo waren die anderen für Medizin eingeschrieben.“ Ingo verspricht mir die entsprechenden Unterlagen zu mailen. „Viel Glück, Klara“, wünscht mein Magnetfeldforscher, zwanzig Kilometer bevor ich die größte Stadt im Département Vaucluse und die 44-größte Stadt in Frankreich erreiche.

Glück bräuchte ich auf dem Camping du Pont d’Avignon. Dringend. Doch es versteckt sich offensichtlich in der historischen Altstadt. Dieses Mal ist der Bordstein zu hoch, um Little Miss Sunshine rückwärts auf den Stellplatz zu wippen. Ihre Stützen verhindern das einparken auf dem vorgesehenen Areal 122. Hilfreich übrigens, der Camper aus dem Baden-Württembergischen Rastatt, der mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln vor seinem geschätzt 85.000 Euro teuren Wohnmobil steht. „Einfach mit Schwung“, sagt er, während mein nächster Ausraster schon mit den Hufen scharrt. „Obwohl, ich habe mir so auch schon mal eine Stütze abgefahren.“

Es geht doch nichts über ein aufbauendes Gespräch mit hilfsbereiten Landsleuten. Nachdem ich drei mal ums Carrée in deutlich überhöhter Geschwindigkeit (erbeten sind maximal 10 km/h) gekurvt bin, entscheide ich mich für Stellplatz 102. Das Loch in der Hecke zu Platz 101 scheint groß genug, um das Auto durch zu manövrieren. Trotzdem fluche ich munter vor mich hin. Laut genug, um meinen Berliner Nachbarn auf Parzelle 103 durch die Hecke zu locken. Seit vierzig Jahren ist er schon Camper. „Einfach fragen“, tadelt er mit typischem Oberlehrerblick durch seine schmale Goldrandbrille. „Wir Camper helfen uns immer.“

Damit steht Little Miss Sunshine das erste Mal wirklich waage. Das macht die extreme Geräuschkulisse hier auf der Insel allerdings nicht mal im Ansatz wett. Freunde, die seit ewigen Zeiten mit ihrer Knutschkugel durch die Welt reisen, hatten mir den Platz empfohlen. Aber beide haben weder meine niedrige Geräusch-Empfindlichkeits-Toleranz noch einen Lärm hassenden Hund.

Beim letzten Schluck Chardonnay beschließe ich, alles hinzuwerfen. Jetzt, hier und heute. In diesem Moment. Jawohl, ich gebe auf. Zahle den Reisekostenvorschuss zurück. Verzichte auf meine neue Karriere als Buchautorin oder Ghostwriterin oder Biografin über, für oder von Madame Dubois.

Es wird sich was anderes finden. Irgendwas findet sich ja immer. Und in jedem Vertrag gibt’s eine Rücktrittsklausel. Zur Not lasse ich mich von meiner Hausärztin reiseuntauglich schreiben.

Und so ist Madame Dubois‘ Geschichte im Handumdrehen Geschichte. C’est la vie.

https://www.aquadis-loisirs.com/de/naturnahes-camping/campingplatz-pont-davignon