Schachmatt

Der fünfte Tag in Folge mit Madame Dubois. Die fünfte Partie Schach. Werde ich auch dieses fünfte Mal gegen sie verlieren?

Ein idiotischer Gedanke. Als ginge es ums gewinnen.

Mittlerweile weiß ich, wie ich meine Fragen stellen muss. Vor allem glaube ich anhand ihrer Kleidung zu erkennen, in welcher Stimmung Madame ist. Welche Erinnerungen sie bereit ist zu teilen. Eher die amüsanten oder lieber die tragischen, persönliche oder berufliche.

Natürlich habe ich sie unter anderem auch nach dem Metallkünstler aus der Vulkaneifel gefragt. Warum sie den Minotauros und die anderen gestohlenen Bronzen kein zweites Mal bei Jens Nettlich in Auftrag gegeben hat.

„Ach, Kindchen“, sagte sie zum ersten Mal etwas gereizt, „dieses Anhäufen von materiellem in jungen Jahren wird im Laufe des Lebens zu unnötigem Ballast. Es ist mühevoll, ihn wieder loszuwerden. Abgesehen davon, ich hatte in dieser Phase andere Prioritäten.“

Welche das waren, weigerte sie sich zu verraten.

*

Jetzt warte ich auf Lucien. Schaue aus dem Fenster in den wieder grünen Garten. Der Schnee ist über Nacht aufgeweicht und weggespült. Wasser strömt seit Stunden vom Himmel, die weiße, sanfte Pracht hat sich in Matsch verwandelt.

„Würdest du mir ein Taxi bestellen, Liebe?“, trällert meine Mutter. „Ich muss noch Koffer packen.“

Bevor ich fragen kann, für wann und wohin sie überhaupt so kurzfristig will, tänzelt meine Mutter durch die Küche, und will meine Meinung zum neuen Armani-Kleid. Es steht ihr sensationell.

Daraufhin lächelt sie glücklich und gesteht, meinen Vater bei der Reha im Allgäu besuchen zu wollen. Warum wundert mich das nicht? Warum freue ich mich nicht für sie?

In meinem Kopf schwirren wie elektrisiert Geschichten und Anekdoten, Fakten und Daten aus dem Leben von Madame Dubois. Das erste Kapitel habe ich theoretisch schon fertig. Muss es nur noch aufschreiben. Nur wann? Schweden-Marie hat sich gemeldet, ob ich schon da sei. Sie rechnet fest mit meinem Besuch und ich gestehe, ich hatte ihre Einladung vollkommen vergessen.

Mein Termin mit Dr. Gehrholz hat mich erleichtert. Jetzt habe ich alle Informationen, um die Scheidung vorzubereiten. Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich glücklich getrennt sein – vor dem Gesetz.

Noch heute Abend werde ich mit den notwendigen Listen beginnen. Was habe ich mit in die Ehe gebracht, was habe ich gekauft. Was haben wir gemeinsam angeschafft. Unseren Steuerberater muss ich auch noch in die Spur schicken, mir die entsprechenden Quittungen rauszusuchen.

Lucien ist wie gehabt höflich, aber distanziert. Ich lasse mir nicht anmerken, wie sehr mich sein Verhalten kränkt. Heute habe ich auch keinerlei Grund ein Gespräch zu beginnen. Ich schaue hinaus in den Regen, zerfledderte Gedankenschnipsel umschwirren mich. Und ich gestatte mir den Luxus, einfach nicht darüber nachzudenken.

Madame Dubois begrüßt mich herzlich. Sie trägt ein schmales, fliederfarbenes Kleid, ihren Perlenschmuck und ein verschmitztes Lächeln. Das Schachspiel ist wie in den vergangenen Tagen vor dem Kamin aufgebaut. Wie immer ziehe ich den weißen Bauern.

„Letzte Partie, veränderte Regeln“, sagt Madame Dubois, „Sie dürfen alles fragen und ich werde antworten. Allerdings“, sagt sie und seufzt. „Ich werde Ihnen heute auch Dinge anvertrauen, die Sie nicht in dem Buch erwähnen dürfen.“

Erst wenige Stunden später begreife ich, dass ich diesem Deal nicht hätte zustimmen dürfen.