François-Anne de Bellejour

Unprätentiös heißt mich François-Anne vor ihrem Haus willkommen. Sie hat diese distanzlose, fröhliche Herzlichkeit, die Freigeister und Weltenbummler ja oft ausstrahlen. Es ist, als kennten wir uns schon ewig. Und trotzdem…

Meine heimliche Hoffnung, einen buchstäblichen Blick in ihr Leben und damit in das von Madame Dubois werfen zu können, erfüllt sich nicht. Dabei war ich so sicher, dass François-Anne nur darauf gewartet hat, mir voller Stolz alles zu präsentieren.

Es wäre überaus unhöflich, diese Enttäuschung auch nur anzudeuten. So bleiben nur Vermutungen, welches Kleinod das Haus mit der Nummer 73 ist.

Ob die Künstlerin minimalistisch eingerichtet ist, oder opulent und farbenfroh, ob alle Wände mit eigenen Bildern bedeckt sind. Ob überall Momentaufnahmen aus einem reichen, intensiven Leben hängen. Ob sie einen offenen Wohnraum favorisiert, ob es vielleicht sogar eine Galerie gibt. Wurde das Haus entkernt oder genießt die Künstlerin eine enge Gemütlichkeit? Wie groß sind die Zimmer? Gibt es eine freistehende Badewanne, ist die Küche hochmodern? Welche Baumaterialien wurden bei der Renovierung verwendet oder ist das Haus noch in seinem ursprünglichen Zustand? Ich weiß es nicht und werde es vermutlich auch nie herausfinden.

Gemütlich schlendern wir die Straße hinunter, steuern das Lokal mit weinumrankter Pergola, kleinen weißen Tischdecken und roten Stoffservietten an. Hier kostet das Glas Wein soviel wie anderorts eine Flasche – der Rest ist Schweigen.

„Fragen Sie nur, Madame Klara“, sagt François-Anne in akzentfreiem Englisch und kreuzt die schlanken Hände mit dem Witwenring über ihrem Herz. „Es sei so eine Freude Sie zu treffen. Wie es überhaupt ein Geschenk ist, jemandem einen Gefallen tun zu dürfen. Das ist es doch, was das Leben in einer so komplizierten Welt erst lebenswert macht. Einander Freude zu schenken.“ Sie deutet auf ihre Goldkette mit dem orthodoxen Kreuz-Anhänger und versichert, dass Religion, der Glaube selber, das alles verbindende Element zwischen den unterschiedlichen Menschen ist – sein sollte. N’est pas? 

Wer so hohe Erwartungen hat wie ich, kann nur enttäuscht werden. Keine Familienbilder, nicht mal ein aktuelles Foto von Madame Dubois bekomme ich zu Gesicht. Erfahre keine für mein Buchprojekt wichtigen Fakten, von Details ganz zu schweigen. Dafür gibt es den selbstbewussten Hinweis, dass die im Inneren des Restaurants ausgestellten Gemälde die neuesten Werke von Madame de Bellejour sind.

Die es liebt, mit weit ausholenden Gesten zu sprechen. Über ihr Leben als Mutter vier erwachsener, prachtvoller Söhne und zahlreicher Enkelkinder. Über ihre große Liebe Jeremy, wundervoller Vater ihrer Kinder, im vergangenen Jahr verstorben. Was ich nicht erfahre: wie ist der aktuelle Familienstand ihrer Schwester? Gibt es Nichten und Neffen? Was ich erfahre, und das in größtmöglicher Ausführlichkeit: wie sehr das Leben von François-Anne de Bellejour in Aufruhr ist, sie seit dem Tod ihres geliebten Mannes nicht mehr zur Ruhe kommt.

So pendelt sie, getrieben von Trauer um das verlorene Leben mit Jeremy, zwischen ihren zwei Häusern in der Provence. Reist nach Äthiopien, Heimatland ihrer Mutter, verbringt Wochen in Zürich, Geburtsort ihres Vaters, um dann zurück in ihr Elternhaus nach Uzès zu fahren.

Es ist, wie es immer ist, wenn das Leben die Vorstellung überflügelt. Wenn die Ideen, wie es sein müsste oder könnte, von einer Realität überrollt werden, die von unerhörter Banalität, fern jeglicher dramatischen Romantik, ist. Immer wieder versuche ich die Sprache auf Madame Dubois zu bringen, bekomme zur Antwort aber lediglich Puzzleteilchen, aus denen sich kein klares Bild formen lässt.

Als wir uns voneinander verabschieden, weiß ich nur, dass François-Anne und Madame Dubois denselben Vater hatten. Streng, liebevoll, selten zuhause. Erzogen wurden die Mädchen von einem englischen und einem deutschen Kindermädchen, gingen auf Privatschulen in England und der Schweiz. Während ihre vier Jahre ältere Halbschwester immer tat, was von ihr erwartet wurde, riss François-Anne mit 15 Jahren von zuhause aus, trampte um die Welt, hielt nur sporadischen Kontakt zur Familie und als der Vater starb, flog sie nicht zu dessen Beerdigung. 

„Das hat mir Catherine nie verziehen.“ 

Wie sich das Leben ihrer Halbschwester entwickelt hat, kann die Malerin mit den dicken, geflochtenen Zöpfen nicht sagen. „Seit meiner Geburt waren wir Konkurrentinnen, wobei unser Vater ihr immer ganz klar den Vorzug gegeben hat. Catherine und ich waren zu jung, um zu begreifen, wie wichtig Familie ist. Und jetzt verbindet uns nicht mal mehr der Name. Erinnerungen an unser gemeinsames Leben existieren genau genommen keine.“ Mehr als sechzig Jahre haben die Schwestern einander nicht mehr gesehen. Ob Madame Dubois in Cassis lebt oder Paris, ob sie überhaupt noch lebt, kann François-Anne nicht sagen.

Ob es ein Familiengeheimnis gibt, wage ich betont leicht zu fragen, und François-Anne lacht diese tiefe Lachen, geboren aus durchfeierten Nächten mit zu vielen Zigaretten und zu viel Alkohol, und zeigt auf sich. „Wenn, dann bin ich das dunkelste Geheimnis.“

Nein, es gebe kein Geheimnis, setzt sie mit einem kleinen Grinsen nach. Weder hell noch dunkel. Wer derartiges behaupte, wolle sich nur wichtig machen. Keine Geheimnisse, keine schwerwiegenden Verfehlungen, nichts zu bedauern.

Non, Madame Klara“, sagt François-Anne zum Abschied, „je ne regrette rien.

Wird sie denn das Buch über ihre Schwester lesen, was ich zu schreiben gedenke? „Warum sollte ich?“